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Gendern? Ohne mich.

Die Bemühungen, die ich hinter der doch relativ stark in Erscheinung tretenden „Pro-Gendergerechte-Sprache-Bewegung“ vermute, erscheinen mir mitunter ambivalent. Da ahne ich die Gefahr, dass mit viel Leidenschaft, Hingabe (und wahrscheinlich ungewollt) zwar einer möglichst allen Gendervorstellungen gerecht werdenden Sprache der Vorzug gegeben werden soll, gleichzeitig jedoch ungerechte Lebensbedingungen, Machtverhältnisse und Strukturen munter weiter existieren – und, das wäre dann schlimm: auch gar nicht weiter thematisiert, geschweige denn problematisiert würden.

Aus: Titanic, Ausgabe 8/22

Die Ungerechtigkeiten und der Chauvinismus (egal von welcher Seite), die zu Grausamkeiten, Ausbeutung, Erniedrigung, Unterdrückung führen, sind in meinen Augen viel wichtigere Themen als die Frage des Führens einer „gendergerechten“ Sprache. Es ließe sich gewiss darüber streiten, ob die Welt eine bessere würde, wenn die Sprache ihr voraus ginge. Ich für meinen Teil habe mich entschieden, der Welt den Vorzug zu geben und die Sprache folgen zu lassen.

Schriftsprache ist für mich auch eine Komposition von Aussage und Rhythmik; Sätze gewinnen mittels ganz eigener Melodien ihren Ausdruck, Interpunktion und Satzlängen spielen da ebenso mit hinein. Doppelpunkte, Binnen-I und Genderlücken stören mein Sprach- und Lesegefühl. Warum, so frage ich, soll ich mir das antun? Um irgendjemandem zu beweisen, dass ich ein achtsamer Mensch bin, der niemanden ausschließen möchte? Bitte, das muss ich nicht tun. Ich muss das nicht beweisen – und wenn ich es beweisen müsste, dann würde ich lieber Taten sprechen lassen. Außerdem – wo fängt der Einschluss denn an? Reicht, wenn ich es ernst meinte und Sprache zum Allzweckmittel des Inkludierens erklärte, die gendergerechte Schreibweise aus? Was ist mit Blinden, mit Gehbehinderten? Schließe ich sie nicht auch aus, wenn ich von Ansichten und Vorgehen schreibe? Was ist mit Menschen, deren Körpergröße nicht dem Durchschnittsmaß entspricht? Sind sie noch eingeschlossen, wenn ich davon schreibe, wie „aus etwas ein Schuh wird“ (für mich sind damit ALLE Schuhe gemeint, also auch Übergrößen und Sonderanfertigungen: Muss ich das betonen?). Also, wo fängt das an, wo hört das auf? Ich plädiere dafür, Menschen dahin gehend zu vertrauen, dass sie das generische Maskulinum schon zuordnen und richtig auffassen. Nebenbei, ich bin über 2 m lang und fühle mich von der Werbung für Pkws (um ein Beispiel zu geben) auch dann angesprochen, wenn ich weiß, dass ich das Fahrzeug mangels Platzangebot nie fahren werden kann.

WYGOTSKI hat Sprache einst als Reiz des Menschen an sich selbst beschrieben. Die Suche nach dem richtigen Begriff, die innere Reflexion ob der angewandten Sprache – das sind alles Entwicklungs- und Reifeprozesse, die meiner Ansicht nach gerade nicht von außen als erzieherische Maßnahme verstanden werden dürfen. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht und der Mensch wird nicht „besser“, wenn man ihm eine neue Sprache vorschreibt.

Bitte nicht missverstehen – ich habe nichts gegen gendernde Menschen, ich verweigere mich aber dem beobachtbaren Fanatismus mancher und der Stigmatisierung, wenn ich es unterlasse. Die Leidenschaft und das Engagement für Freiheit, Selbstbestimmung, eine offene Gesellschaft und das Miteinander der Kulturen gehen in meinen Augen weit über die Frage nach Genderstern, Doppelpunkten etc. hinaus – es kann ein jeder halten, wie er/sie/es mag – und das gilt auch für mich, der sich dem nicht einfach und kritiklos anschließt. Ich ahne Ideologisches und halte Abstand. Ich gendere NICHT mehr, weil es mich verwirrt, irritiert, mir die Sprache „verhunzt“ und ich ständig den Gedanken habe, ich müsste die Güte meiner Gesinnung unter Beweis stellen durch das Nutzen dieser Sprachform. Nein, das muss ich nicht. Ich bin weder Chauvinist noch „privilegierter weißer cis Mann“ noch Nazi noch Rassist, wenn ich auf das Gendern verzichte. Demokratie bedeutet auch und vor allem Diskurs und dieser braucht klare Verständigung. Sprache ist ein Werkzeug dessen.

Lese ich Begriffe wie „Bäuer*innen“ oder auch „Bürger*innenmeister*innen“ steige ich mental aus, es ist mir zu kompliziert. Sprache ist für mich immer eine Aufforderung, kontextuelles Verstehen zu leisten – einer Leistung also, die ja gerade von der Kritik an der Verwendung des geschlechtsneutralen Maskulinums als empörend verstanden wird. Da wird zum Beispiel „Lehrer“ geschrieben und Befürworter des Genderns halten es für ungerecht, dass „Frauen hier in der männlichen Form mitgemeint werden“. Nein, sage ich. Es kommt auf den Kontext an. Nur der Kontext macht es deutlich. Schreibe ich „Lehrer an Grundschulen“ oder die „Bürger der Stadt“, so zeigt der Kontext an, dass ALLE gemeint sind. Nicht zu gendern, ist für mich einfach einfacher.

Neulich machte ein Student während einer Präsentation die Bedeutung des Kontext sehr anschaulich klar. Er fragte die Zuhörer, welches Wort wohl in seiner Einrichtung (Behindertenhilfe) verwendet würde, um den erfolgreichen Abschluss einer Tätigkeit auszudrücken. „Fertig machen“, so die Antwort. FERTIG MACHEN??? Als Begriff, alleinstehend betrachtet, ist „Fertig machen“ wohl eher negativ zu verstehen; hier, in der genannten Arbeitswelt, ist damit etwas Positives gemeint: „Ich habe die Kinder fertig gemacht für die Schule“, „Ich habe die Bewohner fertig gemacht für die Nacht“ – der Kontext zählt. Für mich ist es auch eine Aufgabe der Bildung, Kontextfähigkeit zu vermitteln und sich nicht auf das bloße Verwenden von scheinbar eindeutigen Sprachhülsen zu beschränken.

Andere Studenten (ein Frau und ein Mann) betonten zu Beginn ihrer Präsentation, dass sie im Handout zwar gendern, im Vortrag aber nicht – „weil das Sprechen dann einfacher ist“. Aha.

Gerade eben habe ich eine Bachelorarbeit über Zwangsprostitution in Deutschland gelesen, eine, wie ich finde, sehr gute Arbeit. Verfasst hat sie eine Frau, die sich intensiv mit dem Thema befasst und umfangreich recherchiert hat. Sie fragt sich (und ihr Material), ob die liberale Gesetzgebung in Deutschland Schutz oder Gefährdung für Frauen ist – und vergleicht die Lage in Deutschland mit den Ländern, die, im Sinne des Nordischen Modells, die Freier unter Strafe stellen und nicht die Frauen. Ich will nicht weiter auf die Arbeit eingehen (das würde ich tun, wenn sie veröffentlicht wird, was durchaus geplant ist).

Mein Punkt ist ein anderer: Die Autorin hat keine einzige Silbe gegendert. Es wäre komplett absurd, ihre Arbeit deshalb zu beanstanden. In der Sache hat sie im konkreten Fall der Zwangsprostitution und des Handels mit Frauen den Finger in die Wunde gelegt und Fakten zusammengetragen, die eine weitere Diskussion über die Gesetzgebung in Deutschland zwingend erforderlich machen. „Solange wir unsere Prostitutionsgesetze auf Regenbogenpapier und in Gendersprache drucken, regt sich keiner auf“??? Das darf aus meiner Sicht nicht sein.

Es gibt unzählige weitere Beispiele, stellvertretend seien nur genannt: Die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern und das Anerkennen der Leistungen in der Angehörigenpflege, der Familienarbeit. Da gibt es noch immer große Lücken und ich neige zu der Überzeugung, dass diese auch dann bleiben würden, wenn wir alle genderten. Es bedarf einer anderen Haltung, sonst übertünchten wir die Probleme und strukturellen Ungerechtigkeiten nur mit einer als „wohlklingenden und korrekten“, jedoch verordneten Sprache und änderten NIX zum Guten. Die ungleiche und ungerechte Entlohnungssituation in Unternehmen ließe sich – analog zur Steuerprüfung – relativ einfach beheben. Aber, lieber gendern, als verändern?

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