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Gendern?

Ich versuche, eine gender-adäquate Schriftsprache und die Lesbarkeit meiner Texte nach Kräften zu vereinen. Schreibe ich in einer grammatikalisch nur ein Geschlecht betreffenden Form, so bitte ich, dieses in keiner Weise als Disposition, Diskriminierung, Gedankenlosigkeit, Ignoranz, Respektlosigkeit oder Faulheit zu verstehen. Es gibt in meinen Texten also das „Binnen-I“ und den „*“ genauso wie die ausgeschriebene Form (z. B. Autorinnen und Autoren) und, wenn es nach meinem Dafürhalten die Lesbarkeit erhöht, die einfache, eingeschlechtliche Form (männlich oder weiblich).

Die Bemühungen, die ich hinter der doch relativ stark in Erscheinung tretenden „Pro-Gendergerechte-Sprache-Bewegung“ vermute, erscheinen mir mitunter ambivalent. Da ahne ich die Gefahr, dass mit viel Leidenschaft, Hingabe (und wahrscheinlich ungewollt) zwar einer möglichst allen Gendervorstellungen gerecht werdenden Sprache der Vorzug gegeben werden soll, gleichzeitig jedoch ungerechte Lebensbedingungen, Machtverhältnisse und Strukturen munter weiter existieren – und, das wäre dann schlimm: auch gar nicht weiter thematisiert, geschweige denn problematisiert würden.

Aus: Titanic, Ausgabe 8/22

Die Ungerechtigkeiten und der Chauvinismus (egal von welcher Seite), die zu Grausamkeiten, Ausbeutung, Erniedrigung, Unterdrückung führen, sind in meinen Augen viel wichtigere Themen als die Frage des Führens einer „gendergerechten“ Sprache. Es ließe sich gewiss darüber streiten, ob die Welt eine bessere würde, wenn die Sprache ihr vorausginge. Ich für meinen Teil habe mich entschieden, der Welt den Vorzug zu geben und die Sprache folgen zu lassen. Bitte nicht missverstehen – ich habe nichts gegen das Gendern, ich verweigere mich aber der Stigmatisierung, wenn ich es unterlasse. Die Leidenschaft und das Engagement für Freiheit, Selbstbestimmung, eine offene Gesellschaft und das Miteinander der Kulturen gehen in meinen Augen weit über die Frage nach Genderstern, Doppelpunkten etc. hinaus – es kann ein jeder halten, wie er/sie/es mag – und das gilt auch für mich, der sich dem nicht einfach und kritiklos anschließt.

Gerade eben habe ich eine Bachelorarbeit über Zwangsprostitution in Deutschland gelesen, eine, wie ich finde, sehr gute Arbeit. Verfasst hat sie eine Frau, die sich sehr mit dem Thema befasst und sehr umfangreich recherchiert hat. Sie fragt sich (und ihr Material), ob die liberale Gesetzgebung in Deutschland Schutz oder Gefährdung für Frauen ist – und vergleicht die Lage in Deutschland mit den Ländern, die, im Sinne des Nordischen Modells, die Freier unter Strafe stellen und nicht die Frauen. Ich will nicht weiter auf die Arbeit eingehen (das würde ich tun, wenn sie veröffentlicht wird, was durchaus geplant ist). Mein Punkt ist ein anderer: Die Autorin hat keine einzige Silbe gegendert. Es wäre komplett absurd, ihre Arbeit deshalb zu beanstanden. In der Sache hat sie im konkreten Fall der Zwangsprostitution und des Handels mit Frauen den Finger in die Wunde gelegt und Fakten zusammengetragen, die eine weitere Diskussion über die Gesetzgebung in Deutschland zwingend erforderlich machen. „Solange wir unsere Prostitutionsgesetze auf Regenbogenpapier und in Gendersprache drucken, regt sich keiner auf“??? Das darf aus meiner Sicht nicht sein.

Es gibt unzählige weitere Beispiele, stellvertretend seien nur genannt: Die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern und das Anerkennen der Leistungen in der Angehörigenpflege, der Familienarbeit. Da gibt es noch immer große Lücken und ich neige zu der Überzeugung, dass diese auch dann bleiben würden, wenn wir alle genderten. Es bedarf einer anderen Haltung, sonst übertünchten wir die Probleme und strukturellen Ungerechtigkeiten nur mit einer als „wohlklingenden und korrekten“, jedoch verordneten Sprache und änderten NIX zum Guten.