Wer gendern möchte, gendere. Ich möchte es nicht.
Ich sehe durchaus, dass Sprache Wahrnehmung beeinflussen kann. Gleichzeitig folge ich der Auffassung, dass gesellschaftliche Veränderungen primär durch reale Praxis entstehen – also durch Arbeit, Institutionen und strukturelle Bedingungen.Deshalb konzentriere ich mich auf diese Ebene und verzichte auf sprachliche Sonderformen. Das ist keine Wertung anderer Positionen, sondern eine theoriegeleitete Entscheidung.
Sprache ist historisch aus gesellschaftlicher Praxis entstanden und kann auf sie zurückwirken. Aber sie ist nicht ihr Ursprung.Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob wir sprachliche Formen ändern,sondern ob sich dadurch reale Arbeits- und Machtverhältnisse verändern. Ohne Veränderung der Praxis bleibt Sprache symbolisch.
Die Bemühungen, die ich hinter der doch relativ stark in Erscheinung tretenden „Pro-Gendergerechte-Sprache-Bewegung“ vermute, erscheinen mir mitunter ambivalent. Da ahne ich die Gefahr, dass mit viel Leidenschaft, Hingabe (und wahrscheinlich ungewollt) zwar einer möglichst allen Gendervorstellungen gerecht werdenden Sprache der Vorzug gegeben werden soll, gleichzeitig jedoch ungerechte Lebensbedingungen, Machtverhältnisse und Strukturen munter weiter existieren – und, das wäre dann schlimm: auch gar nicht weiter thematisiert, geschweige denn problematisiert würden. (Kleiner Einschub 2/2026, ein Buchtipp: Hübl, Philipp (2025). Moralspektakel. Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht. Pantheon, München)

Die Ungerechtigkeiten und der Chauvinismus (egal von welcher Seite), die zu Grausamkeiten, Ausbeutung, Erniedrigung, Unterdrückung führen, sind in meinen Augen viel greifbarere Themen als die Frage des Führens einer „gendergerechten“ Sprache.
Ich folge hier einer bestimmten theoretischen Auffassung von Sprache, Bewusstsein und gesellschaftlicher Wirklichkeit, und zwar so, wie sie im historischen Materialismus und insbesondere in der Tätigkeits- und Bewusstseinstheorie von A. N. Leontjew ausgearbeitet wurde. Leontjew lernte ich während meiner Dissertation kennen und schätzen. Er setzt nicht bei Sprache an, sondern bei der realen gesellschaftlichen Praxis, deren zentraler Kern – auch in modernen Wissensgesellschaften – die Arbeit ist.
A. N. Leontjew – Person, Werk und zentrale Schriften (erstellt von Chat GPT) "Alexej Nikolajewitsch Leontjew (1903–1979) gehört zu den bedeutendsten Vertretern der sowjetischen Psychologie des 20. Jahrhunderts und ist einer der Hauptbegründer der sogenannten Tätigkeitstheorie. Er arbeitete eng mit Lew Wygotski zusammen und entwickelte aus dem kulturhistorischen Ansatz eine eigenständige, systematisch ausgearbeitete Theorie des Psychischen auf der Grundlage des historischen Materialismus. Leontjews zentrales theoretisches Anliegen bestand darin, die Psychologie von individualistischen, mentalistischen und biologistischen Verkürzungen zu befreien. Gegen die Vorstellung, psychische Prozesse seien primär innere Vorgänge eines isolierten Subjekts, setzte er die These, dass Bewußtsein, Denken und Persönlichkeit nur aus gegenständlicher, gesellschaftlich vermittelter Tätigkeit heraus verstanden werden können. Der Ausgangspunkt psychologischer Analyse ist bei ihm nicht das Individuum als solches, sondern dessen reale Praxis in historisch konkreten Arbeits- und Lebensverhältnissen. Sein Hauptwerk Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit formuliert diesen Ansatz programmatisch. Darin bestimmt Leontjew die Tätigkeit als grundlegende Analyseeinheit der Psychologie. Bewußtsein erscheint nicht als innerer Zustand, sondern als historisch entstandene Form der Widerspiegelung gesellschaftlicher Praxis. Sprache nimmt dabei eine vermittelnde Rolle ein: Sie ist nicht Ursprung oder Ursache des Bewußtseins, sondern dessen gesellschaftliche Existenzform. Bedeutungen sind in diesem Sinn keine bloßen Zeichen, sondern in Sprache kristallisierte gesellschaftliche Tätigkeit. Besondere Bedeutung kommt Leontjews Werk durch die enge Verbindung von Psychologie, Gesellschaftstheorie und Erkenntnistheorie zu. Psychische Phänomene werden weder naturalisiert noch als bloße Diskursprodukte verstanden, sondern als historisch entstandene Formen menschlicher Lebenspraxis. Damit liefert Leontjew eine theoretisch kohärente Grundlage für Analysen von Arbeit, Bewußtsein, Sprache und Persönlichkeit im Zusammenhang gesellschaftlicher Organisation. Zentrale Werke (Auswahl) Leontjew, A. N. (1975/1982): Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit. Köln: Campus. Leontjew, A. N. (1971): Probleme der Entwicklung des Psychischen. Frankfurt a. M.: Fischer. Wygotski, L. S. (1934/1962): Denken und Sprechen. Berlin: Akademie-Verlag. Rubinstein, S. L. (1958): Grundlagen der allgemeinen Psychologie. Berlin: Volk und Wissen."
Arbeit als strukturierendes Prinzip gesellschaftlichen Lebens
Gesellschaftliches Leben organisiert sich nicht primär über Diskurse, sondern über Arbeit. Menschen müssen produzieren, um zu leben: Güter, Dienstleistungen, Wissen, Pflege, Erziehung. In diese Tätigkeiten sind sie institutionell eingebunden – durch Arbeitsmärkte, Organisationen, Zeitregime und Hierarchien.
Arbeit strukturiert Tagesabläufe, Einkommen, soziale Absicherung, Anerkennung, Bildungswege, Gesundheit und Lebensperspektiven. Diese Strukturen bestehen unabhängig davon, wie sie sprachlich bezeichnet werden. Sie prägen Lebensmöglichkeiten real und dauerhaft. Will sagen: Ein Arbeitsplatz mit schlechter Bezahlung und ätzenden Bedingungen bleibt schlecht bezahlt und ätzend – egal, wie ich ihn nenne! Nur weil ich ihn umtaufe, ändert er sich nicht.
Ein Beispiel findet sich in der Care-Arbeit: Pflege, Erziehung, Sorge- und emotionale Arbeit – bezahlt wie unbezahlt. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Gesellschaft überhaupt reproduktionsfähig bleibt. Ohne sie gäbe es weder Arbeitskräfte noch Bildungslaufbahnen noch wissenschaftliche Produktivität. Historisch wie gegenwärtig ist Care-Arbeit ungleich verteilt, häufig unsichtbar gemacht, strukturell geringer bewertet und institutionell schlechter abgesichert. Diese Ungleichheiten sind keine Sprachphänomene, sondern Resultat konkreter Arbeits- und Zuständigkeitsverteilungen.
Nach Leontjew entsteht Bewusstsein aus gegenständlicher, gesellschaftlicher Tätigkeit. Menschen entwickeln Selbstbilder, Erwartungen und Handlungsspielräume im Vollzug ihrer Arbeit – unter Leistungsdruck oder Autonomie, unter Prekarität oder Absicherung. Bewusstsein ist damit vergegenständlichte Lebenserfahrung, keine sprachliche Setzung.
Sprache entsteht vor diesem Hintergrund als Vermittlungsform gesellschaftlicher Praxis. Sie koordiniert Arbeit, stabilisiert Erwartungen und verallgemeinert Erfahrungen. Leontjew formuliert dies präzise: Sprache ist nicht der Demiurg des Bewusstseins, sondern seine Existenzform.
Sprache, Ist-Beschreibung und politische Erkenntnis
An diesem Punkt berührt sich die materialistische Analyse mit einer politischen Einsicht, die Rosa Luxemburg prägnant formuliert hat:
Die revolutionärste Tat ist, zu sagen, was ist.
Ich verstehe dies als eine erkenntnistheoretische Voraussetzung von Veränderung. Wer verändern will, muss die realen Verhältnisse als das benennen, was sie sind: Arbeitsorganisation, Macht, Abhängigkeit, Ungleichheit. Wird diese Ist-Beschreibung durch normative Vorwegnahmen ersetzt, verliert Kritik ihre Grundlage.
Wenn ich z.B. Eier kaufe, nehme ich stets die Packung aus dem Regal, auf der „Bio“ steht und gern auch „Faire Haltung“. Ich vertraue darauf, dass diese Informationen deskriptiv sind, mir also sagen, was ist.
Gendern artikuliert ein normatives Ziel: Gleichstellung. Dieses Ziel ist aus meiner Sicht vollkommen legitim. Problematisch wird es dort, wo sprachliche Markierungen suggerieren, reale Verhältnisse hätten sich bereits verändert, obwohl Arbeits- und Lebensbedingungen unverändert bleiben.
Wenn Sprache nicht mehr beschreibt, wie Arbeit organisiert ist, sondern vorwegnimmt, wie Gesellschaft sein sollte, wird sie präskriptiv. Damit verliert sie jene Funktion, die Luxemburg als revolutionär beschreibt: die nüchterne Benennung des Ist.
Eine Sprache, die das Soll an die Stelle des Ist setzt, erschwert die Analyse der Verhältnisse, die tatsächlich verändert werden müssten – Arbeitszeiten, Vertragsstrukturen, Entlohnung, Anerkennung von Care-Arbeit.
Ich gendere nicht, weil ich Sprache nicht für den Ausgangspunkt gesellschaftlicher Wirklichkeit halte. Ich verstehe sie als historisch entstandene Form der Vermittlung dessen, was Menschen real tun, produzieren und erfahren. Der zentrale Ort gesellschaftlicher Realität ist die Arbeit – einschließlich der oft unsichtbaren Care-Arbeit. In diesem Sinn ist es mit Rosa Luxemburg gerade revolutionär, das Ist nicht sprachlich zu glätten, sondern sichtbar zu machen. Denn nur was als das erkannt wird, was es ist, kann auch real verändert werden.
Gesellschaft verändert sich nicht durch Wörter,
sondern durch veränderte Arbeit und veränderte Lebensbedingungen.
Sprache folgt dieser Praxis – sie ersetzt sie nicht.Leontjew bestimmt Tätigkeit – historisch wie systematisch – als primär. Sprache ist Teil der Organisation dieser Tätigkeit, aber sie ersetzt sie nicht. Rückwirkungen der Sprache bleiben an die Bedingungen gebunden, unter denen Menschen tatsächlich arbeiten, leben und handeln. Wo diese Bedingungen unverändert bleiben, bleibt auch die Reichweite sprachlicher Interventionen begrenzt.
Wird das sprachlich artikulierte Soll dauerhaft an die Stelle der Beschreibung des Ist gesetzt, verschiebt sich gesellschaftliche Kritik von der Analyse realer Arbeits- und Lebensverhältnisse auf die Pflege normativer Zeichen.
Aus materialistischer Sicht ist genau diese Ablösung problematisch. Sie erzeugt den Eindruck von Fortschritt, während die Bedingungen der Arbeit – Vertragsstrukturen, Zeitregime, Entlohnung, Vereinbarkeit mit Care-Arbeit – unverändert fortbestehen. Ich bestreite dabei nicht, dass Sprache auf Praxis zurückwirken kann. Ich bestreite bzw. bezweifle jedoch, dass diese Rückwirkung stark genug ist, um sprachliche Normierung zu rechtfertigen, solange die materiellen Bedingungen von Arbeit, Care-Arbeit und institutioneller Organisation unverändert bleiben.
Schriftsprache ist für mich darüber hinaus auch eine Komposition von Aussage und Rhythmik; Sätze gewinnen mittels ganz eigener Melodien ihren Ausdruck, Interpunktion und Satzlängen spielen da ebenso mit hinein. Doppelpunkte, Binnen-I und Genderlücken stören mein Sprach- und Lesegefühl. Warum, so frage ich, soll ich mir das antun? Um irgendjemandem zu beweisen, dass ich ein achtsamer Mensch bin, der niemanden ausschließen möchte? Wenn ich es beweisen wollte, dann würde ich lieber Taten sprechen lassen.
Außerdem – wo fängt der Einschluss an, wo hört der Ausschluss auf? Reicht, wenn ich es ernst meinte und Sprache zum Allzweckmittel des Inkludierens erklärte, die gendergerechte Schreibweise aus? Was ist mit Blinden, mit Gehbehinderten? Schließe ich sie nicht auch aus, wenn ich von Ansichten und Vorgehen schreibe? Was ist mit Menschen, deren Körpergröße nicht dem Durchschnittsmaß entspricht? Sind sie noch eingeschlossen, wenn ich davon schreibe, wie „aus etwas ein Schuh wird“ (für mich sind damit ALLE Schuhe gemeint, also auch Übergrößen und Sonderanfertigungen, Damenschuhe, Herrenschuhe, Kinderschuhe: Muss ich das betonen?). Also, wo fängt das an, wo hört das auf? Ich plädiere dafür, Menschen dahingehend zu vertrauen, dass sie das generische Maskulinum schon zuordnen und richtig auffassen. Nebenbei: Ich bin über 2 m lang und fühle mich von der Werbung für Pkws (um ein Beispiel zu geben) auch dann angesprochen, wenn ich weiß, dass ich das Fahrzeug mangels Platzangebot nie fahren werden kann.
Wygotski, ein Zeitgenosse Leontjews, hat Sprache einst als Reiz des Menschen an sich selbst beschrieben. Die Suche nach dem richtigen Begriff, die innere Reflexion ob der angewandten Sprache – das sind alles Entwicklungs- und Reifeprozesse des Menschen in sich selbst. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, und der Mensch wird nicht „besser“, wenn man ihm eine neue Sprache vorschreibt.
Mag es in manchen Kommunikationsschulungen als schick und förderlich angesehen sein, statt von Problemen von Herausforderungen zu sprechen, so mag dies für den Einzelnen eine Hilfe sein. Für den, der das Problem auch dann noch sieht, wenn es Herausforderung genannt werden soll, stellt diese „Umtaufe durch Expertenmund“ einen Bruch auf gleich mehreren Ebenen dar:
a) Wie kann ich benennen, wie ich mich fühle und erlebe, wenn ich dazu Wörter nutzen wollte, deren Gebrauch als hinderlich und selbstbeschwerend kontraproduktiv vermittelt wird? (Wer „Probleme“ „Probleme“ nennt und nicht „Herausforderungen“ macht sich und ggf. anderen das Leben schwerer als nötig, so könnte die steile These im Kommunikationstraining ja lauten).
b) Wie mache ich anderen klar, dass es sich für mich um ein Problem handelt und eben nicht um eine Herausforderung?
c) Wie kann ich überhaupt Herausforderungen erleben und erfahren aus der Wirklichkeit heraus, wenn es in dieser Wirklichkeit nichts mehr geben soll, was ich als problematisch erleben und dann auch beschreiben und durch dieses Erleben und Beschreiben ja erst als etwas Herausforderndes begreifen könnte?
d) Wie gesagt, für den Einzelnen und sein eigenes, persönliches Erleben, Empfinden, Weltverstehen und Begreifen mag die Änderung des Begriffs eine Hilfe sein. Als generelle (und eingeforderte oder auch nur moralisch zu leistende Pflicht verstandene) Sprache führt es außerhalb des strikt innerpersönlichen Raums direkt in Chaos, Verwirrung und den Verlust der Verständlichmachung.
Bitte nicht missverstehen – ich habe nichts gegen gendernde Menschen, ich verweigere mich aber dem beobachtbaren Fanatismus mancher und der Stigmatisierung, wenn ich es unterlasse.
Die Leidenschaft und das Engagement für Freiheit, Selbstbestimmung, eine offene Gesellschaft und das Miteinander der Kulturen gehen in meinen Augen weit über die Frage nach Genderstern, Doppelpunkten etc. hinaus – es kann ein jeder halten, wie er/sie/es mag – und das gilt auch für mich, der sich dem nicht einfach und kritiklos anschließt. Ich ahne Ideologisches und halte Abstand. Ich gendere NICHT mehr, weil es mich verwirrt, irritiert, mir die Sprache „verhunzt“ und ich ständig den Gedanken habe, ich müsste die Güte meiner Gesinnung unter Beweis stellen durch das Nutzen dieser Sprachform. Nein, das muss ich nicht. Ich bin weder Chauvinist noch „privilegierter weißer Cis-Mann“ noch Nazi noch Rassist, wenn ich auf das Gendern verzichte. Demokratie bedeutet auch und vor allem Diskurs und dieser braucht klare Verständigung. Sprache ist ein Werkzeug dessen.
Lese ich Begriffe wie „Bäuer*innen“ oder auch „Bürger*innenmeister*innen“ steige ich mental aus, es ist mir zu kompliziert. Sprache ist für mich immer eine Aufforderung, kontextuelles Verstehen zu leisten – eine Leistung also, die ja gerade von der Kritik an der Verwendung des geschlechtsneutralen Maskulinums als empörend verstanden wird. Da wird zum Beispiel „Lehrer“ geschrieben und Befürworter des Genderns halten es für ungerecht, dass „Frauen hier in der männlichen Form mitgemeint werden“. Nein, sage ich. Es kommt auf den Kontext an. Nur der Kontext macht es deutlich. Schreibe ich „Lehrer an Grundschulen“ oder die „Bürger der Stadt“, so zeigt der Kontext an, dass ALLE gemeint sind. Nicht zu gendern, ist für mich einfach einfacher.
Neulich machte ein Student während einer Präsentation die Bedeutung des Kontexts sehr anschaulich klar. Er fragte die Zuhörer, welches Wort wohl in seiner Einrichtung (Behindertenhilfe) verwendet würde, um den erfolgreichen Abschluss einer Tätigkeit auszudrücken. „Fertig machen“, so die Antwort. FERTIG MACHEN??? Als Begriff, alleinstehend betrachtet, ist „Fertig machen“ wohl eher negativ zu verstehen; hier, in der genannten Arbeitswelt, ist damit etwas Positives gemeint: „Ich habe die Kinder fertig gemacht für die Schule“, „Ich habe die Bewohner fertig gemacht für die Nacht“ – der Kontext zählt. Für mich ist es auch eine Aufgabe der Bildung, Kontextfähigkeit zu vermitteln und sich nicht auf das bloße Verwenden von scheinbar eindeutigen Sprachhülsen zu beschränken.
Andere Studenten (eine Frau und ein Mann) betonten zu Beginn ihrer Präsentation, dass sie im Handout zwar gendern, im Vortrag aber nicht – „weil das Sprechen dann einfacher ist“. Aha.
Gerade eben habe ich eine Bachelorarbeit über Zwangsprostitution in Deutschland gelesen, eine, wie ich finde, ausgezeichnete Arbeit. Verfasst hat sie eine Frau, die sich intensiv mit dem Thema befasst und umfangreich recherchiert hat. Sie fragt sich (und ihr Material), ob die liberale Gesetzgebung in Deutschland Schutz oder Gefährdung für Frauen ist – und vergleicht die Lage in Deutschland mit den Ländern, die, im Sinne des Nordischen Modells, die Freier unter Strafe stellen und nicht die Frauen. Ich will nicht weiter auf die Arbeit eingehen (das würde ich tun, wenn sie veröffentlicht wird, was durchaus geplant ist).
Mein Punkt ist ein anderer: Die Autorin hat keine einzige Silbe gegendert. Es wäre komplett absurd, ihre Arbeit deshalb zu beanstanden. In der Sache hat sie im konkreten Fall der Zwangsprostitution und des Handels mit Frauen den Finger in die Wunde gelegt und Fakten zusammengetragen, die eine weitere Diskussion über die Gesetzgebung in Deutschland zwingend erforderlich machen. „Solange wir unsere Prostitutionsgesetze auf Regenbogenpapier und in Gendersprache drucken, regt sich keiner auf“??? Das darf aus meiner Sicht nicht sein.
Es gibt unzählige weitere Beispiele, stellvertretend seien nur genannt: die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern und das Anerkennen der Leistungen in der Angehörigenpflege, der Familienarbeit. Da gibt es noch immer große Lücken und ich neige zu der Überzeugung, dass diese auch dann bleiben würden, wenn wir alle genderten. Es bedarf des konkreten Handelns, sonst übertünchten wir die Probleme und strukturellen Ungerechtigkeiten nur mit einer als „wohlklingend und korrekt“, jedoch moralisch erpressten Sprache und änderten NIX zum Guten. Die ungleiche und ungerechte Entlohnungssituation in Unternehmen ließe sich – analog zur Steuerprüfung – relativ einfach beheben. Deshalb: Lieber ÄNDERN als GENDERN!
Und als Sozialarbeiter bin ich dafür, bessere Verhältnisse zu SCHAFFEN und dafür klug und engagiert zu streiten. Idealismus halte ich für unabdingbar; eine idealisierende Sprache jedoch nicht.

