Achtung, IRONIE
Manifest der GROSSEN – oder: Warum 1,75 m nicht der Mittelpunkt des Universums ist
Es gibt eine stille, systematische Benachteiligung in unserer Gesellschaft. Sie ist überall sichtbar, wird aber selten benannt. Nein, es geht nicht um Politik, Geld oder Religion. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres: Länge.
Genauer gesagt: um Menschen, die GROSS sind.
Ich selbst bin 2,05 m lang. Das klingt für viele zunächst wie eine Superkraft. „Du musst ja super Basketball spielen!“ – Nein. „Du siehst bestimmt alles auf Konzerten!“ – Ja, aber nur, wenn ich gleichzeitig versuche, mich vor den Menschen hinter mir zu entschuldigen. „Fliegen ist bestimmt toll mit so viel Beinfreiheit!“ – Dieser Satz wird in Zukunft strafrechtlich verfolgt.
Denn hier beginnt das eigentliche Problem: Unsere Welt wurde offensichtlich von Menschen entworfen, die ungefähr 1,75 m groß sind und fest davon überzeugt waren, damit die finale Version der Menschheit darzustellen. Wir GROSSEN hören Diskussionen um Inklusion und ziehen dann brav den Kopf ein, um nicht erneut Opfer der Deutschen-Industrie-Normierung für Standards am Bau zu werden. Allen Kleineren sei gesagt: Es tut weh, sich den Kopf am Türrahmen zu stoßen.
Kapitel 1: Das Flugzeug
Der Flugzeugsitz ist ein Meisterwerk moderner Ingenieurskunst. Ziel war es offenbar, einen Raum zu schaffen, in dem ein erwachsener Mensch gleichzeitig:
- sitzt,
- kniet,
- und leichte Yogaübungen macht.
Bei 2,05 m Körpergröße bedeutet Economy-Class ungefähr Folgendes:
Man faltet sich in das Sitzmodul wie ein Campingstuhl aus Metall, während die Kniescheiben höflich an die Rückenlehne vor einem klopfen.
Nach etwa 40 Minuten beginnt die Hüfte zu verkrampfen, weil der Körperwinkel eigentlich nur für Kinder oder sehr flexible Flamingos gedacht war.
Die Lösung der Luftfahrtindustrie ist ebenso elegant wie konsequent:
Mehr Platz gibt es – gegen Aufpreis.
Mit anderen Worten:
Wenn du GROSS bist, musst du erst einmal Eintritt in die Kategorie „funktionierende Beine“ bezahlen.
Kapitel 2: Architektur
Auch Gebäude wurden offenbar für Menschen gebaut, die maximal bis zum oberen Drittel eines Türrahmens reichen.
Duschen enden auf Schulterhöhe.
Spiegel zeigen zuverlässig nur das Kinn.
Küchenarbeitsplatten befinden sich exakt auf der Höhe, auf der man als GROSSER Mensch dauerhaft einen orthopädischen Bandscheibenvorfall entwickeln kann.
Kapitel 3: Autos
Autos sind besonders interessant.
Der Sitz lässt sich zwar theoretisch „nach hinten“ stellen, aber nur so weit, bis der Mitfahrer hinter einem beschließt, ebenfalls existieren zu wollen.
Das Ergebnis ist eine faszinierende Sitzhaltung, die man am besten beschreibt als:
„zusammengefalteter Storch mit Sicherheitsgurt“
Kapitel 4: Gesellschaftliche Wahrnehmung
Trotz all dieser Schwierigkeiten hält sich hartnäckig die Vorstellung, GROSS zu sein sei ein Vorteil.
„Du hast doch überall Vorteile!“
Ja, zum Beispiel:
- Ich stoße an jede Lampe.
- Ich passe in kein Bett unter zwei Metern.
- Ich kenne jeden Notausgangssitz Europas persönlich. Und auch viele der Kleinen (es sind ja GROSSE, die im falschen Körper geboren wurden und sich mit 1,70 als GROSS identifizieren). Ja, ja, GRÖSSE ist ein soziales Konstrukt! Du bist so GROSS, wie Du es empfindest! Hörte ich da eben Biologie?)
Kapitel 5: Das Manifest
Aus diesen Gründen erkläre ich hiermit feierlich:
Das Wort GROSS wird ab sofort ausschließlich in Großbuchstaben geschrieben.
Dies ist keine stilistische Entscheidung.
Es ist eine Notwehrmaßnahme gegen Längenunsichtbarkeit.
Wer weiterhin „groß“ schreibt, hat das Problem offensichtlich nicht verstanden und muss sich leider den Vorwurf gefallen lassen, latent längenphob zu sein. Ja, wer GROSS weiterhin nicht GROSS schreibt, ist strukturell ein Rassist oder mindestens unhöflich.
Schlusswort
Natürlich ist das alles mit einem Augenzwinkern gemeint.
Aber vielleicht steckt doch ein kleiner Gedanke darin:
Unsere Welt ist erstaunlich präzise auf einen sehr engen Bereich menschlicher Körpermaße zugeschnitten.
Und wenn man deutlich außerhalb dieses Bereichs liegt, merkt man plötzlich, wie viele Dinge eigentlich nur für den Durchschnittsmenschen gebaut wurden.
Bis sich das ändert, bleibt uns GROSSEN nur eines:
GROSS GROSS schreiben und den Rest der Welt zum (mindestens moralisch gebotenen) Nutzen dieser Schreib- und Sprechweise zu bringen.
IRONIE OFF
Wer gendern möchte, gendere. Ich möchte es nicht. Nicht, weil mir Gleichstellung gleichgültig wäre, sondern weil sie in Arbeitsverhältnissen, Löhnen und der Anerkennung von Care-Arbeit entschieden wird, nicht in der Schreibweise. Türrahmen werden auch nicht höher, wenn man GROSS groß schreibt. Lieber ändern als gendern.


