Sommer

Es ist warm, 33 Grad, jetzt immer noch um 21.00 Uhr, da ich die Zeilen schreibe. Meine Lieblingsjahreszeit und doch, dieser Sommer scheint anders. Seltsam. In den Zeitungen werden Tipps gegeben, wie nach Monaten der Vereinzelung wieder am Leben in Gegenwart anderer teilzunehmen ist. Langsam, nicht überstürzen, fast so, als hätten wir es verlernt.

Mir scheint es so, als wäre aus dem, was noch vor wenigen Wochen und Monaten eine Spaltung durch gegensätzliche Auffassungen gewesen war, nun etwas Anderes geworden. Das Impfen ist ein Manifest. Die Frage nach dem Impfstatus ist mittlerweile vielerorts zum Tagesgruß geworden, ein Small Talk, dem ich mich entziehe. Man kann mich nach meiner Meinung zum Impfen gegen COVID-19 fragen, nicht jedoch nach meinem Impfstatus. Das geht niemanden etwas an. Ich frage auch niemanden danach, es ist jedermanns freie Entscheidung und soll, ja: muss es auch bleiben. Aber nein, das seltsame Sommergefühl ist nicht nur deshalb seltsam; es kommt Erschöpfung hinzu, Müdigkeit. Die Diskussionen um Corona und die Politik, ihre Maßnahmen und die billigend in Kauf genommenen Kollateralschäden – fast so, als wäre auf „Pause“ gedrückt. Die, die sich nicht impfen lassen wollen und werden, die, die sich Zeit lassen und selbst bestimmen wollen – sie treffen auf die, die stolz schon von der 2. Impfung berichten. Ich diskutiere nicht, ich hoffe, dass es gut geht. Vielleicht ist es dies, was mir den Sommer seltsam macht – Millionen, die sich in Impfschlangen stellen, auf Freiheit hoffend. Dazu Menschen wie ich, die einfach Angst haben vor dem Impfstoff, die nicht überzeugt sind und sich damit nicht injizieren lassen. Sind diese warmen Sommertage eventuell die Ruhe vor einem moralisierenden Sturm im Herbst? Soll die Hoffnung auf Freiheit erst durch den Gehorsam aller eingelöst werden? Wird die Story sein, dass die „bösen Impfgegner“ dann dafür verantwortlich sind, dass Maske und Bevormundungen bleiben? Ich hoffe inständig, dass niemand auf die Idee kommt, uns gegeneinander ausspielen zu wollen. Der Bundestag hat die „epidemische Notlage nationaler Tragweite“ bis zum 30. SEPTEMBER verlängert. Die Inzidenzwerte, so unbrauchbar und doch sakrosankt sie sind, sinken kontinuierlich. Man hätte jetzt auch ALLES aufheben können. Die Angst vor der Krankheit ist das eine, die Sorge um politische Willkür eine andere – in meinem Fall ist es die größere. Der Sommer ist seltsam, es riecht nach Hofgang, nach kurzem Luftholen vor dem nächsten Wahnsinn. Ich hoffe, dass ich mich irre.