Bange machen gilt nicht!

Mai 24, 2020 @ 10:21 pm

Als Pädagoge sage ich zum Thema Angst, dass sie ebenso wenig missbraucht werden darf wie Macht und Verantwortung. Angst zu haben ist menschlich. Jemandem mit Absicht Angst um Leben, Gesundheit, Existenz oder andere ernste Themen zu machen, ist gemein. Geschickt angestellt, lässt sich wahrscheinlich jeder Mensch so verängstigen und einschüchtern, dass er oder sie nicht mehr klar denken, klar empfinden und handeln kann. Wer Angst macht, bedient eine Fernsteuerung der Seele. Bange machen gilt nicht! Und doch ist es genau das, was auch aktuell in Zeiten von Corona geschieht.

Ich bin täglich mehr davon überzeugt, dass wir Medienkompetenzen vermitteln, aufklären und Sicherheit geben müssen für den Umgang mit Nachrichten, Schreckensbildern, Horrorzahlen und anderen Panikverursachern. Nicht nur Demokratie braucht Besonnenheit. Ein Ziel – ja: ein staatlicher Auftrag der Bildung! ist die Förderung der Mündigkeit, der Teilhabe an der demokratischen Gesellschaft und ihrer Gestaltung. Leben ist auch ein Verb, ein Aktivum. Leben als Verb zu verstehen bedeutet: zu leben. Zu leben heißt auch, sich der Ungewissheit des Kommenden auszusetzen und das wiederum bedarf des Vertrauens. Vertrauen ist die Urkraft des Lebens und des Glaubens an die Möglichkeit des Morgen. In all der Ungewissheit gehen wir über Brücken und vertrauen auf ihre Stabilität, wir leben mit der Ungewissheit und vertrauen. Angst zerstört das Vertrauen, wandelt es in Misstrauen, in Enge und Isolation. Wenn Sozialpädagogik funktioniert, dann, weil sie Vertrauensbeziehungen errichtet und aufrecht erhält.

Mehr und mehr erschrecke ich vor der Ängstlichkeit meiner Mitmenschen. Da ist die Angst, andere und sich anzustecken. Hygiene, Abstand halten – das ist ja auch ohne Corona zu allen Krankheiten, die in Wellen auftreten, richtig – und doch reicht es nun scheinbar vielen nicht aus, zu groß die geschürte Bedrohungsangst, die Panik. Es muss Masken geben und noch härtere Maßnahmen, so fordern die Ängstlichen. Und da ist zusätzlich die Angst vor dem Auffallen, dem „Aus der Reihe tanzen“. Seit Wochen trug ich auf meiner Maske den Aufkleber „Erst Maskenzwang, dann Impfpflicht? Nein danke“. Ich erntete starrende Blicke, keiner sprach mich an. Vielleicht denken manche, ich sei ein Rechter oder irgendwie gefährlich. Ich bin weder rechts noch eine Gefahr. Ich bin nur nicht einverstanden. Den Aufkleber habe ich ausgetauscht in ein positiveres Motto – ich will keinen Beitrag zur Verängstigung leisten; und der Wunsch nach kritischer Kontroverse ist für viele schon einschüchternd, verängstigend. „Bange machen gilt nicht„, schreib ich drauf und dazu, etwas kleiner: „Unvalide Tests auch nicht…“

Konformismus ist die Doktrin der Stunde und sie wird verkauft als Solidarität. Je länger der Corona-Irrsinn andauert, desto lauter werden die Stimmen derer werden, die bereits immun sind. Sie werden vermutlich Privilegien fordern und unsere Gesellschaft auf eine sehr scharfe Zerreißprobe stellen – eine Zerreißprobe, der wir nur Stand halten werden, wenn wir uns klar machen: Alle Menschen sind vor dem Rechtsstaat gleich, kranke Menschen ebenso wie gesunde Menschen. Ich will keine „Corona-Apartheid“ und hoffe, dass ich mit meiner Sorge übertreibe und es wirklich anders kommt.

Die Therapie ist aktuell schlimmer als die Krankheit. Das kann nicht sein! Wir werden eingesperrt und bevormundet – zu unserem Besten? Und ganz nebenbei droht ein Überwachungsstaat blockwärtiger Mitbürger:innen aufzuziehen, der die Freiheit schon immer suspekt fand und mit dem Verb „leben“ auch nicht viel anzufangen wusste. Endlich kehrt wieder Ordnung (von oben)ein, endlich kann die Verantwortung für das eigene Leben wieder abgegeben werden; von der Last der Freiheit und der Selbstbestimmung endlich befreit. Geborene Untertanen! (Achtung, Polemik: „Virologie, befiehl, wir folgen Dir.“ Oh Mann, das ist doch ein Albtraum!)

Geschürte Angst macht irgendwann selbst die Schlausten doof. Bildung stärkt, macht Mut, gibt Kraft und Vernunft und den Glauben an das Leben und Vertrauen für Dich und mich, für uns, für heute und morgen. Wer weiß, wie Rumpelstilzchen heißt, hat keine Angst mehr vor ihm. Der Spuk löst sich auf! Angst ist ein falscher Herrscher.

Ich bin ganz sicher, dass wir ohne den staatlichen, seine Bürger:innen einsperrenden Autoritarismus mit Corona klar kommen. Die Verängstigung in der Bevölkerung ist groß und paralysierend. Vertrauen? Mangelware. Ich frage mich, wie diese durch in meinen Augen gravierende Einschnitte erzeugten Wunden heilen können. Misstrauen und Angst lassen sich so schnell aus Gruppen nicht vertreiben.

Werden wir bspw. zum Handschlag zurückfinden? Die Bedeutung gewaschener Hände war ja schon vor Corona klar, nur eben anscheinend nicht überall beherzigt. Das dürfte dieses Virus wohl verändert haben – und die Angst vor dem Anderen? Das Ergreifen einer fremden Hand…OH MEIN GOTT!…wird es nach Corona ohne Furcht und diffuse Sorge um Infektionen geschehen?

Oder, ein Blick auf die Digitalisierung – vieles, ob in Schulen, Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Parteien, Behörden und Instituten oder Unternehmen ist der Corona-Not geschuldet entstanden. Da wurde und wird mit allen möglichen Online-Medien improvisiert, experimentiert und tatsächlich: Vieles funktioniert und die Annehmlichkeiten des digitalen Austauschens fallen schwerer ins Gewicht als das physikalisch-räumliche Fehlen der anderen. Allerdings – und ich zähle mich dazu: Ohne Not würde ich keine Onlinevorlesungen halten, keine Onlineseminare durchführen, ich bin und war nie „Online-Pädagoge“. Das tue ich ausnahmsweise und hoffe inständig, dass wir bei der Ausnahme bleiben werden. Schaue ich auf zukünftige organisatorische Aspekte frage ich mich, wer denn entscheiden wird, was online und was in Präsenz geschehen wird. Gut, Betriebsausflüge wird es mit „Zoom“ oder „Sykpe“ (um nur zwei zu nennen) zwar nicht geben, jedoch die Frage, was online und was in Präsenz besprochen, vermittelt, geklärt werden wird. Ich finde es einerseits ganz bequem, mich einfach vor den Rechner zu setzen und Seminare zu machen, an Meetings teilzunehmen – und andererseits fühle ich, dass die Empfindung des Bequemen mit der Hoffnung auf zeitliche Begrenztheit verknüpft ist. Sollte es dauerhaft bei online bleiben: auweia.

Was wir gut gebrauchen können:

  • Schluss mit der medialen Panikmache
  • Waschbecken und Seife in allen Supermärkten und im öffentlichen Raum
  • Schluss mit den Sperren, weg mit den Masken!
  • Aufbau von Medienkompetenzen zum Umgang mit Schreckensnachrichten. BANGE MACHEN GILT NICHT!
  • Ermutigung, Besonnenheit, Gelassenheit.

Wie wohltuend sind gerade jetzt Begegnungen mit Menschen, die sich nicht verrückt machen lassen UND die trotzdem: Ja, gerade deshalb sozial verantwortlich und kooperativ sind.

Psychologie-Prof. Bruder im Interview, lesenswert: https://www.rationalgalerie.de/gelesen-gesehen-gehoert/angstmache-als-herrschaftsmittel