Wie lange halten wir das aus – und was kann bleiben?

Mai 14, 2020 @ 6:20 pm

Am 14.05.2020 berichtet die „Frankfurter Rundschau“ über das knapp 90 Seiten starke interne Dokument, das ein ranghoher Mitarbeiter des Bundesministerium des Inneren zu Covid-19 erstellt und an einen größeren Verteiler versandt hat. Der Bericht des Mitarbeiters erfolgte auf Briefpapier des Ministeriums – und diese Tatsache wird Gegenstand der Aufregung. Verständlich. Da wird der offizielle Briefkopf zweckentfremdet zur Verbreitung eigener Meinungen – so die offizielle Beschreibung der Unzulässlichkeit des Verhaltens. Wäre ich Minister, hielte ich so ein Vorgehen meines Mitarbeiters auch für falsch.

Auffällig ist für mich, dass es allerdings bzgl. des Inhalts kein einziges Wort des Dementis gibt.

Aber das nur am Rande. Ich will mich ja nicht länger verrückt machen. Ich bleibe schön bei mir selbst, stelle jede Art von Kommunikation ein, die auch nur im Ansatz missionarisch wirken könnte. Ich erkenne an, dass viele meiner Mitmenschen, auch in meinem engsten Freundeskreis, tatsächlich Angst haben vor der Krankheit und nicht wie ich mehr Angst vor dem Umgang damit. Es schockt mich, dass Angstmacherei diese Wirkkraft hat und auf so wenig Aufklärung trifft, auf so wenig Mut und die Bereitschaft, Rumpelstilzchen auf den Zahn zu fühlen. Steven Kings „Es“ beschreibt die Macht der Angst und hier, im Auge der Corona-Krise, zeigt sich diese Macht ganz triumphal.

Mich schockt die Art und Weise unseres Kommunizierens. Da herrscht Unbehagen, da liegt diffuses „Vollgenervt-von-allem-sein“ in der Luft, da ist Unsicherheit ob all der Ungewissheit greifbar. Gerade jetzt bräuchten wir an jeder Ecke „Sprechhäuser“, Orte, in denen vor allem offen und interessiert zugehört wird, in denen Austausch möglich ist, in denen auch Pluralismus und Vielfalt zur hilfreichen Ressource (und nicht zum Gegenteil!) werden.

Achtsamkeit, Respekt, Transparenz, Ehrlichkeit, Offenheit und das Sich-Artikulieren, seine Ängste, seine Sorgen in den Mund nehmen und zur Sprache bringen zu können, es auch zu tun: Es öffnet und lässt neue Kräfte einströmen. Ich erlebe eine traumatisierte Gesellschaft (und dazu den Kontrast persönlicher Biedermeier-Idylle). Diese traumatisierte, verängstigte Gesellschaft soll an diesem Virus nicht auseinanderfetzen. So, wie der Brexit in UK Familien und Freunde trennte, Lager schuf und Gräben einzog, so kann auch die Diskussion um den Umgang mit dem Virus uns voneinander spalten. Ich wünsche mir sehr, dass wir über dieses Virus nicht zersplittert in verfeindeten Lagern enden – und, nebenbei, noch leichtere Beute derer werden, die uns mit Angst und Schrecken unter Kontrolle und zur Räson bringen wollen.

Liebe Medienvielfalt, wo bist Du? Wo ist die Funktion der „4.Gewalt“, uns Pluralismus und Kontroverse so vorzumachen, dass wir in kommunikativer Kompetenz Argumente tauschen und so zu tragfähigem Konsens kommen können? DAS ist die Basis von Demokratie!

Eines der wenigen Highlights in den letzten Tagen ist für mich der Disput zwischen Augstein und Blome (https://www.phoenix.de/sendungen/gespraeche/augstein-und-blome/corona—hat-merkel-ueberzogen-a-1548310.html

Ein anderes Highlight ist sicher die Veröffentlichung dieses BMI Papieres.

Hier der Text aus der Frankfurter Rundschau vom 14.05.2020

Hier die BMI PDF

Wenn ich mir überlege, was nach dieser ganzen Veranstaltung bleiben kann und was besser wieder in der Versenkung verschwinden möge, komme ich zu diesen Punkten:

Kann bleiben/Soll nicht bleiben
Kann bleiben
– Hände waschen
– Abstand halten im Supermarkt
-Spuckschutz (wer so ein Teil abends mal abgewaschen hat, weiß, was da tagsüber durch die Gegend fliegen kann)
– Weniger Straßen-und Flugverkehr
– Solidarität in Wort und Tat
– Sorge umeinander
– Suche nach Impfstoff und Medikamenten
– Vertrauen in Mitarbeiter*innen (ob vor Ort oder im „cheflosen“ Home office)
– Flexibilität
– ab und zu eine Webkonferenz, das ist schon ok. Aber eben nur ab und zu…
Soll nicht bleiben
– potentielle Lockdowns
– Solidarität ohne Taten, ohne mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen; Solidarität nur mit uns und nicht mit allen, die in Not sind (Moria ist Ausdruck kontinuierlichen Versagens der EU, das muss nicht bleiben!)
– Maskenpflicht
– Einseitige Berichterstattung und pauschale Diffamierung Andersdenkender als Verschwörer, Radikale, Verbreiter von Unfug
– Angst (voreinander, vor der Krankheit)
– Potentielle Impfpflicht gegen Covid-19, Zwang zu Immunitätsnachweis
– das Überbewerten von Gesundheit. Wir können das Leben nicht kontrollieren und sind besser beraten, wenn wir leben und uns dabei unterstützten anstatt aus Gesundheit Kennzahlen zu machen, denen wir blind und mechanisch nachzueifern haben sollen.