Zwei Jahre noch???

Mai 3, 2020 @ 9:31 pm

Eben läuft „Anne Will“ im Ersten, ich schau interessiert zu – bin fassungslos ob der seit Wochen gezeigten Einhelligkeit der Meinungen, dass dieses Virus eine ernsthafte Bedrohung, eine weltweite lebensgefährliche Pandemie sei. Nein, ich spiele diese Krankheit nicht herunter, das könnte ich auch gar nicht, bin kein Mediziner. Ich verweise nur auf die zahlreichen und immer mehr werdenden Kritiker*innen, die mit Belegen und Logik den Standpunkt vertreten, dass es sich bei Covid-19 eben nicht um DIE Krise handelt, die die aktuellen Maßnahmen rechtfertigt. Nicht im Ansatz!

Mittlerweile spüre ich in mir ein permanentes Schwanken zwischen Angst, Empörung und Aufstand. Was geschieht hier? Es ist mehr als fragwürdig, berechtigt die Grundrechte einzukassieren und Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen – und doch: es geschieht. Jetzt, gerade jetzt und wenn ich Olaf Scholz richtig verstanden habe, dann werden wir uns noch „2 Jahre“ in dieser „neuen Normalität“ einzurichten haben. Warum? Ich wäre ja bereit, alles mitzutragen, wenn denn das Fundament all dieser Maßnahmen ein tragfähiges, ein belastbares wäre. Das ist es aber nicht. Was kommt denn noch? Immunitätsnachweispflicht? Impfpflicht? Digitalisierungspflicht? Distanzpflicht? Mundschutzpflicht?

Die Befürworter*innen all dessen argumentieren naturwissenschaftlicher Autorität folgend und offenbaren dabei ein grundständig fragwürdiges und tatsächlich riskantes Wissenschaftsverständnis. Laborwerte, Hochrechnungen, quantitatives Vorgehen – DAS ist „objektive“ Wahrheit, „objektive Wissenschaft“. Reisen wir gerade zurück in die 1960er/1970er Jahre? Ist der Methodenstreit jetzt wieder hervorgeholt und der „Winner is“ das Zählen von Häufigkeiten? Wie leichtgläubig! Im qualitativen Forschungsparadigma steht das Verstehen an erster Stelle, das Erkennen von Mustern und Zusammenhängen. Es ist dem Menschen und seinem Verhalten in der Welt zugewandt – und Forschung dieser Richtung ist eine gänzlich andere als die, die zählt und rechnet. Beides hat seine Berechtigung. Wo ist die qualitative Seite in der Corona „Pandemie“? Wen interessiert, wie es Menschen geht, solange die „objektiven“ Statistiken alles Handeln rechtfertigen? Das ist alles ein ganz und gar überhaupt nicht wertschätzender, liebevoller Umgang miteinander; das ist Technokratie, Maschinenglaube, Laborreligion und in seiner Mechanistik sehr tauglich als Vorstufe aller Barbarei. Menschen werden quantifiziert und alles Handeln scheint legitimiert.

Interessanterweise zeigt die „Pandemie Corona“ ein Paradoxon: Würde sie wirklich auf die Zahlen schauen und tatsächlich darin Wahrheit finden, so gäbe es gar keinen Grund mehr für Lockdowns, für das Einstimmen der Bevölkerung auf „2 Jahre“, die wir in der „neuen Normalität“ auszuhalten haben. Die Zahlen werden nach Gusto hin- und her gebogen, werden aus Rechtfertigungsgründen missbraucht und uminterpretiert von denen, die die Interpretationshoheit für sich beanspruchen. Das ist Macht und Machtmissbrauch. Es zerstört Vertrauen und schürt Misstrauen. Der Mensch geht dabei unter, spielt keine Rolle – er ist „Futter“ für die Taschenrechner, deren Ergebnisse wie die zur Szene passende Kulisse verschoben und gedreht werden.

Was wird wohl geschehen, wenn die gefürchtete „2.Welle“ kommt – von der durchaus kompetente Stimmen auch glauben, dass es sie nicht wirklich, sondern nur in inszenierter Form geben wird – was geschieht also, wenn sie zur Aufführung gebracht wird, diese „2.Welle“? Werden dann die Kritiker*innen stumm geschaltet, weil sie angeblich die Ernsthaftigkeit der Lage ignorieren und die „Virus-Wehrkraft des Volkskörpers zersetzen“? Werden ihre Videos und Beiträge gelöscht, werden sie unter Strafe gestellt?

Was wird unser Sozialstaat verkraften können? Eine 2., eine 3. Welle? Noch eine, noch zwei Billionen? Die Gelder sind begrenzt, die Mittel endlich – und dann? Bricht unser Sozialstaat zusammen, verschwindet die Mittelschicht komplett, reißt der Graben zwischen Arm und Reich scheinbar unüberbrückbar auf? Sehen die Akteure, die Verantwortlichen dieser aktuellen Entscheidungen das Feuer, mit dem sie spielen? Nehmen sie das Scheitern unseres Sozialstaates, der zwar weit entfernt von Perfektion, aber dennoch ein sehr brauchbarer ist, billigend in Kauf? Sind sie so blind? Ich kann es nicht glauben – und bekomme Bammel, was das wiederum bedeuten könnte: Dass das alles hier gewollt ist. Kann das sein?

Ich will keine „zwei Jahre Virusalarm“. Ich will, dass wir als Gesellschaft schleunigst aufarbeiten, was hier alles läuft. Wir brauchen dringend politische Bildung (siehe auch die Forderung des Aktionsrat Bildung vom 30.04.2020, https://www.vbw-aktionsrat-bildung.de/) in allen Schulen, offene Diskurse, Emanzipation, das Fördern des Teilhaben-WOLLENS, des Ermutigens und das für jeden und jede in unserem Land. Wir brauchen eine sozialpädagogische Wende und wir brauchen sie schnell und langfristig. Wir brauchen Bildung, Bildung, Bildung. Herzensbildung, Gemeinschaftsbildung, Wissensbildung und die natur- und geisteswissenschaftliche Bildung.

Die aktuelle „Pandemie“ und ihre Legitimationen erinnern mich stark an Adornos Text „Erziehung nach Auschwitz“ – hier ein Auszug der Abschrift des Radiointerviews von Theodor W. Adorno (1966):

Erziehung nach Auschwitz [Th. W. Adorno, 1966]
Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die aller erste an Erziehung.
Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. (…) Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.
Dass man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht, zeugt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, dass die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig, diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern.

Das ist das ganze Grauen. Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte.

Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt.
(…) Wenn im Zivilisationsprozess selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren.

(…) Nötig ist, was ich unter diesem Aspekt einmal die Wendung aufs Subjekt genannt habe. Man muss die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fähig werden, muss ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewusstsein jener Mechanismen erweckt.
(…) Schuldig sind allein die, welche besinnungslos ihren Hass und ihre Angriffswut an ihnen [den Opfern] ausgelassen haben. Solcher Besinnungslosigkeit ist entgegenzuarbeiten, die Menschen sind davon abzubringen, ohne Reflexion auf sich selbst nach außen zu schlagen. Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexivität.
Da aber die Charaktere insgesamt , auch die, welche im späteren Leben die Untaten verübten, nach den Kenntnissen der Tiefenpsychologie schon in der frühen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung, welche die Wiederholung verhindern will, auf die frühe Kindheit sich zu konzentrieren.
Ein Schema, das in der Geschichte aller Verfolgungen sich bestätigt hat, ist, dass die Wut gegen die Schwachen sich richtet, vor allem gegen die, welche man als gesellschaftlich schwach und zugleich – mit Recht oder Unrecht – als glücklich empfindet.
Soziologisch möchte ich wagen, dem hinzuzufügen, dass unsere Gesellschaft, während sie immer mehr sich integriert, zugleich Zerfallstendenzen ausbrütet. Diese Zerfallstendenzen sind, dicht unter der Oberfläche des geordneten, zivilisatorischen Lebens, äußerst weit fortgeschritten.
Der Druck des herrschenden Allgemeinen auf alles Besondere, die einzelnen Menschen und die einzelnen Institutionen, hat eine Tendenz, das Besondere und Einzelne samt seiner Widerstandskraft zu zertrümmern. Mit ihrer Identität und mit ihrer Widerstandskraft büßen die Menschen auch die Qualitäten ein, kraft deren sie es vermöchten, dem sich entgegenzustemmen, was zu irgendeiner Zeit wieder zur Untat lockt. Vielleicht sind sie kaum noch fähig zu widerstehen, wenn ihnen von etablierten Mächten befohlen wird, dass sie es abermals tun, solange es nur im Namen irgendwelcher halb oder gar nicht geglaubter Ideale geschieht.Spreche ich von der Erziehung nach Auschwitz, so meine ich zwei Bereiche: einmal Erziehung in der Kindheit, zumal der frühen; dann allgemeine Aufklärung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, das eine Wiederholung
nicht zulässt, ein Klima also, in dem die Motive, die zu dem Grauen geführt haben, einigermaßen bewusst werden. Ich kann mir selbstverständlich nicht anmaßen, den Plan einer solchen Erziehung auch nur im Umriss zu entwerfen. Aber ich möchte wenigstens einige Nervenpunkte bezeichnen. Vielleicht hat man – etwa in Amerika – den autoritätsgläubigen deutschen Geist für den Nationalsozialismus und auch für Auschwitz verantwortlich gemacht. Ich halte diese Erklärung für zu oberflächlich, obwohl bei uns, wie in vielen anderen europäischen Ländern, autoritäre Verhaltensweisen und blinde Autorität viel zäher überdauern, als man es unter Bedingungen formaler Demokratie gern Wort hat.
Eher ist anzunehmen, dass der Faschismus und das Entsetzen, das er bereitete, damit zusammenhängen, dass die alten, etablierten Autoritäten des Kaiserreichs zerfallen, gestürzt waren, nicht aber die Menschen psychologisch schon bereit, sich selbst zu bestimmen. Sie zeigten der Freiheit, die ihnen in den Schoß fiel, nicht sich gewachsen. Darum haben dann die Autoritätsstrukturen jene destruktive und – wenn ich so sagen darf – irre Dimension angenommen, die sie vorher nicht hatten, jedenfalls nicht offenbarten. (…) Ich möchte aber nachdrücklich betonen, dass die Wiederkehr oder Nichtwiederkehr
des Faschismus im Entscheidenden keine psychologische, sondern eine gesellschaftliche Frage ist. Gerade die Bereitschaft, mit der Macht es zu halten und äußerlich dem, was stärker
ist, als Norm sich zu beugen, ist aber die Sinnesart der Quälgeister, die nicht mehr aufkommen soll. (…) Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn
ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.
(…) Was Auschwitz hervorbringt, die für die Welt von Auschwitz charakteristischen Typen, sind vermutlich ein Neues. Sie bezeichnen auf der einen Seite die blinde Identifikation mit dem Kollektiv. Auf der anderen sind sie danach zugeschnitten, Massen, Kollektive zu manipulieren (…) Für das Allerwichtigste gegenüber der Gefahr einer Wiederholung halte ich, der blinden Vormacht aller Kollektive entgegenzuarbeiten, den Widerstand gegen sie dadurch zu steigern, dass man das Problem der Kollektivierung ins Licht rückt.

(…) Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selber schon zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus. Dazu passt die Bereitschaft, andere als amorphe (gestaltlose) Masse zu behandeln. Ich habe die, welche sich so verhalten (…) den manipulativen Charakter genannt. (…) Der manipulative Charakter (…) zeichnet sich aus durch Organisationswut, durch Unfähigkeit, überhaupt unmittelbare menschliche Erfahrungen zu machen, durch eine gewisse Art von Emotionslosigkeit, durch überwertigen Realismus. Er will um jeden Preis angebliche, wenn auch wahnhafte Realpolitik betreiben. (…)

Hätte ich diesen Typus des manipulativen Charakters auf eine Formel zu bringen (…), so würde ich ihn den Typus des verdinglichten Bewusstseins nennen. Erst haben die Menschen, die so geartet sind, sich selber gewissermaßen den Dingen gleichgemacht. Dann machen sie, wenn es ihnen möglich ist, die anderen den Dingen gleich. Bei Versuchen, der Wiederholung von Auschwitz entgegenzuwirken, schiene es mir wesentlich, zunächst Klarheit darüber zu schaffen, wie der manipulative Charakter zustande kommt, um dann durch Veränderung der Bedingungen sein Entstehen, so gut es geht, zu verhindern.

(…) Kennt man aber einmal die inneren und äußeren Bedingungen, die sie so machten (…), dann lassen sich möglicherweise doch praktische Folgerungen ziehen, dass es nicht noch einmal so werde.
(…) Man muss sich vergegenwärtigen, dass aus derlei Bedingungen Menschen nicht
automatisch erklärt werden können. Unter gleichen Bedingungen wurden manche so und manche ganz anders. Trotzdem wäre es der Mühe wert.

(…) Es gehört zu dem unheilvollen Bewusstseins- und Unbewusstseinszustand, dass man sein So-Sein – dass man so und nicht anders ist – fälschlich für Natur, für ein unabänderlich Gegebenes hält und nicht für ein Gewordenes.
Wenn irgendetwas helfen kann gegen Kälte als Bedingung des Unheils, dann die Einsicht in ihre eigenen Bedingungen und der Versuch, vorwegnehmend im individuellen Bereich diesen ihren Bedingungen entgegenzuarbeiten. (…)Das erste wäre darum, der Kälte zum Bewusstsein ihrer selbst zu verhelfen, der Gründe, warum sie wurde. Lassen Sie mich zum Ende nur noch mit wenigen Worten eingehen auf einige Möglichkeiten der Bewusstmachung der subjektiven Mechanismen überhaupt, ohne die
Auschwitz kaum wäre. (…) Wer heute noch sagt, es sei nicht so oder nicht ganz so
schlimm gewesen, der verteidigt bereits, was geschah, und wäre fraglos bereit zuzusehen oder mitzutun, wenn es wieder geschieht.
Wenn rationale Aufklärung auch (…) nicht geradewegs die unbewussten Mechanismen auflöst, so kräftigt sie wenigstens im Vorbewusstsein gewisse Gegeninstanzen und hilft ein Klima bereiten, das dem Äußersten ungünstig ist. Würde wirklich das gesamte kulturelle Bewusstsein durchdrungen von der Ahnung des pathogenen Charakters der Züge, die in Auschwitz zu dem Ihren kamen, so würden die Menschen jene Züge vielleicht besser kontrollieren.
(…) Morgen kann eine andere Gruppe drankommen als die Juden, etwa die Alten, die ja im Dritten Reich gerade eben noch verschont wurden, oder die Intellektuellen, oder einfach abweichende Gruppen.(…) Schlechterdings jeder Mensch, der nicht gerade zu der verfolgenden Gruppe dazugehört, kann ereilt werden; es gibt also ein drastisches egoistisches Interesse,
an das sich appellieren ließe.Aller politischer Unterricht sollte zentriert sein darin, dass Auschwitz nicht sich wiederhole.(…) Dazu müsste er in Soziologie sich verwandeln, also über das gesellschaftliche Kräftespiel belehren, das hinter der Oberfläche der politischen Formen seinen Ort hat.

Literaturverzeichnis

Bauer, Ullrich; Bittlingmayer, Uwe H.; Scherr, Albert (2012): Handbuch Bildungs- und Erziehungssoziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; Imprint (Bildung und Gesellschaft).